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HRE: größerer Hebel = geringeres Risiko

von Peter Boehringer E-Mail 22.05.11 10:06:08

Die Welt kann einfach sein. Wer einmal eine Bad Bank hat, der macht eigentlich per definitionem immer Gewinn. Den persönlichen toxischen Mülleimer für Fehlspekulationen stellt, garantiert und bezahlt ja der Steuerzahler. Und so sind Meldungen wie eben im Handelsblatt dann eigentlich "logisch" in einem perfiden StaMoKap-System.

"Die Kernsparte der Hypo Real Estate hat im ersten Quartal des Jahres 52 Millionen Euro Gewinn gemacht. Dabei half ein kleiner Trick: Die HRE stellte sich mit der Bilanzierung der Bad Bank geschickt an. :!: [...] Die HRE könnte womöglich um die im Raum stehende Zahlungsauflage von bis zu 1,59 Milliarden Euro für die Nutzung der Bad Bank herumkommen. Dieser Betrag könne eventuell mit dem Eigenkapital verrechnet und müsste dann nicht ergebniswirksam in der Gewinn- und Verlustrechnung verbucht werden. Das sei für die HRE ohne neue Finanzspritzen zu verdauen. So könnte am Ende neben der pbb Deutsche Pfandbriefbank auch der Konzern einen Gewinn 2011 ausweisen. Die HRE hat ihre schlimmsten Wertpapiere und Kredite im Volumen von 173 Milliarden Euro im vergangenen Herbst in die Bad Bank FMS Wertmanagement ausgelagert, für die der Bund haftet. Seitdem ist die HRE-Gruppe wieder in den schwarzen Zahlen. Nachhaltige Gewinne sind die Voraussetzung, um das Institut, das in der Finanzkrise nur mit staatlichen Hilfen von rund 150 Milliarden Euro gerettet werden konnte, in einigen Jahren zu privatisieren. Dafür ist auch eine attraktive Rendite wichtig. Eine Abwicklung, wie sie manche Politiker in Berlin fordern, will Bankchefin Manuela Better auf alle Fälle verhindern."

=> In einem normalen marktwirtschaftlichen System wäre ein solcher Laden entweder längst nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch insolvent. Oder aber die Anteilseigner müssten ein paar Hundert Jahre lang Schulden an den Staat zurückzahlen. Dies natürlich zur Entlastung der vorher (2010) unfreiwillig ausgepressten Steuerzahler. Statt dessen nun aber dies: Das Handelsblatt bezeichnet die Umgehung der Rückzahlungsauflage als "geschickten" Bilanztrick. Mal sehen, ob die im Laufe der kommenden Jahrzehnte geschätzten 100 Mrd EUR real anfallender Verluste (Ausbuchung bzw. Teil-Abschreibung der toxischen Altlasten) ebenfalls "geschickt" mit dem Eigenkapital verrechnet werden können... XX(

Dass sowohl diese Rückzahlungsverschleppung als auch die spätere Re-Privatisierung der auf unsere Kosten gesundeten HRE schon bei der sogenannten "systemrelevanten Rettung" 2009/10 vorhergesagt worden war *), sei nur am Rande bemerkt. Natürlich nur von den Verschwörungstheoretikern und Bloggern ... Und wir bemerken auch mal nur am Rande und nur fürs Protokoll, dass bei einem demnächst um 1,59 Mrd EUR reduzierten Eigenkapital der "Leverage" bzw. der Zockerhebel der HRE selbst bei lediglich unveränderter Bilanzsumme wieder sehr signifikant steigen wird. Wie war das noch mit den Beschwörungen der Politik und der HRE-Manager nach der de-facto-Pleite und nach dem 12-stelligen Bailout, "nun aber wirklich" konservativer wirtschaften zu wollen?

=> Der spätere erneute Börsengang der Neo-HRE wird interessante Begrifflichkeiten hervorbringen: "Re-IPO nach gelungener Restrukturierung" wird in der Prospektüberschrift stehen. Und das Geschäftsmodell wird dort etwa wie folgt erklärt werden:

"Nachhaltige Gewinne erzielen wir bei der Neo-HRE, indem wir in alles anlegen, was uns interessant erscheint. Wir liegen (Disclaimer) zwar rein statistisch in 80% der Fälle falsch. Aber wir werden trotzdem keine Verluste, sondern mindestens 20% Gewinnrendite ausweisen, denn wir haben eine Bestandsgarantie des Staates, einen Bad Bank Mülleimer für die 80% Fehlinvestments, grenzenlose Garantien für den systemrelevanten Gesamtbetrieb und eine jederzeitige Option auf eine Bad Bank II, falls wir uns ganz dumm anstellen sollten. Unser Alleinstellungsmerkmal ist also offensichtlich! Und da wir sicherlich nicht ungehebelt arbeiten, werden wir die o.g. 20% natürlich um ein Vielfaches übertreffen. Je mehr wir hebeln, desto systemrelevanter werden wir, desto sicherer werden wir künftig immer wieder erneut gerettet, desto geringer wird unser Risiko. Genial - nicht: 'Geringeres EK & wachsende Bilanzsumme = größerer Hebel = höhere Systemrelevanz = geringeres Risiko' ! Und wir haben aus guten alten DePfa-Zeiten auch eine Menge Erfahrung mit Hebeln von über 50x EK - wir waren damals fast so gut wie heute nur noch die DB und die angelsächsischen I-Banken.
Disclaimer II: Alle Aussagen gelten nur bis zur Herabstufung der Bonität unseres Garanten BRD GmbH auf unter BBB. Und auch nur bis zum Eintreten der Prognose des Chefs der Finanzdienstleistungsaufsicht Sanio - also bis zum Aufhängen der Bailout-Politiker durch die Steuerzahler
."

*************
*) Zur Erinnerung ein Auszug aus "Deutsche Schuldenquote plus 8%-Punkte wg. HRE" :

FAZ: "Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sprach von einem zentralen Schritt zur Restrukturierung der HRE. 'Ein Vorgang von solcher Größenordnung ist bisher einmalig und extrem komplex, aber er ist in den letzten Monaten gut vorbereitet worden und wird gelingen.' "

=> Klar "wird er gelingen": Der Staat hatte nun seit der offiziellen Verstaatlichung fast ein ganzes Jahr (!) Zeit, das bekanntermaßen "komplex" verpackte und in weiten Teilen toxische bzw. überbewertete HRE-Portfolio gründlich zu sichten und streng aufzuteilen! Die Guten (Assets) kamen ins Töpfchen der Good Bank - die Schlechten ins Kröpfchen der Bad Bank! So etwas dauert, selbst wenn die staatlichen Wirtschaftsprüfer den Luxus einer ex post - Betrachtung aller Asset fast drei Jahre nach deren Kauf hatten; und somit all das Wissen um Risiken und objektive Werthaltigkeit der toxischen Anleihenpakete, das die ex-HRE-Manager à la Bruckermann bis vor der Immokrise 2007 nicht haben konnten oder zwecks Sicherstellung ihrer Millionen-Boni nicht haben wollten oder schlichtweg inkompetent übersehen haben.
=> Wäre es anders, hieße die HRE-"Bad Bank" übrigens auch nicht "Bad Bank"... Warum auch sollte Schäuble in der verbleibenden Good Bank schlechte Vermögenswerte belassen, wenn er heute als Staatsminister ohne jede regulatorische Aufsicht der Bad Bank jedes nicht voll werthaltige Asset aufladen kann wie einst Moses dem alttestamentarischen "Sündenbock"?
=> Und natürlich gehört auch nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, dass die "Good HRE" nach einer Schamfrist wieder an die Börse gebracht wird, nachdem sie ja nun ent-müllt und entschuldet ist. Vielleicht ja dann zu Schleuder- äh Freundschaftspreisen an die gleichen Cayman-Eigner, denen bereits bis 2008 die HRE gehört hatte - wer weiß das schon im höchst anonymen Dschungel der karibischen Hedge-Fund-Eigentümer? Die Schamfrist für diesen IPO-Vorschlag schätze ich auf zwei Jahre.

10 Kommentare

Kommentar from: Roman [Besucher]
Und auch hier kann man sich sicher sein, dass es genug Deppen geben wird, die diese Schrott-Aktien dann kaufen werden. Es sei denn, der große Knall kommt noch vor dem Börsengang.
22.05.11 @ 15:18
Kommentar from: Beo [Besucher]
*****
ANREGUNG:

In zahlreichen Ländern wird der stillen und unbekannten Helden gedacht, nehmen wir nur das Denkmal des "Unberkannten Soldaten".
Wäre es nicht an der Zeit, den duldsamen und aufopferungsbereiten STEUERZAHLER in gleicher Weise zu ehren? Verdient hätte er es allemal.

Ich sehe es schon vor mir: Auf einem Sockel in Bronze gegossen ein leicht gebeugter, gutmütig dreinschauender Steuermichel, mit devotem Blick nach OBEN (i.S.v. Obrigkeit), in den Händen sein geöffneter Geldbeutel ...

Das Frankfurter Bankenviertel wäre keine schlechte Location, auch das Bundeskanzleramt würde sich als Standort eignen. Die Banken (darunter selbstverständlich auch die HRE) sollten es als ihre verdammte moralische Pflicht empfinden, diese Ehrung zu finanzieren, denn ohne die Opfer der Steuerbürger wären sie nur noch ein Häufchen Elend!
22.05.11 @ 20:17
Kommentar from: nadine [Besucher]
Hypo Real Estate: Bonuszahlungen - Die große Heuchelei der Politik

http://aktien-boersen.blogspot.com/2011/03/hypo-real-estate-bonuszahlungen-die.html
23.05.11 @ 12:55
Kommentar from: Steuerzahler [Besucher]
Hallo Herr Boehringer, haben Sie das schon zur Kenntnis genommen??

http://blog.markusgaertner.com/2011/05/22/griechenland-wird-aufgeteilt/

Zum einen soll den führenden Mitarbeitern des ESM eine strafrechtliche Immunität zuerkannt werden (Artikel 30), was den Einsatz von Steuergeld für Rettungsaktionen und Bailouts wie in den Fällen Griechenland, Irland und Portugal noch leichter von der Hand gehen lässt und jene, die das Geld ausgeben, ganz von (demokratischer) Verantwortung freistellt.
Zweitens fällt mir, wie dem geschätzten Leser, auf, dass eine Beteiligung der nationalen Parlamente bei der Ausübung finanzieller Rettungsaktionen gar nicht gewünscht ist. Der von den Euroländern mit jeweils zwei Personen besetzte Gouverneursrat bestimmt das alles selbst. Dieses Gremium wird jedoch von der Exekutive, den Regierungen, der einzelnen Mitgliedsländer eingesetzt.


*******
=> AW PB: Hatte Punkt eins zur Kenntnis genommen - kam erst nach diesem Blogeintrag so raus. Es ist zwar noch ein Entwurf des ESM-Vertrags - aber diese Immunitätsklausel zeigt, dass den EU-Machern selbst klar ist, wie illegal und gegen die Völker ihr Tun gerichtet ist! Absolut unglaubliche Klausel! Man stellt sich über das Recht. Wie ja auch erklärtermaßen Frau Lagarde, die sich mit ihrer Verteidigung des offenen Rechtsbruchs (Art 125 AEUV NoBailout-Gebot) offenbar für höhere Ämter wie nun eben den IWF-Chefposten qualifiziert hat ...

Punkt zwei ist der aktuelle Streit, der auch im Bundestag hinter den Kulissen tobt. Die EUliten wollen keine nationalen Parlaments-Mitspracherechte bei den künfigen ständig zu erwartenden Milliarden-Ausreichungen ihrer ESM-Feuerwehr. Zu viel andauernde Öffentlichkeit und damit Dauerkritik. Sowas mögen EUliten gar nicht ...
23.05.11 @ 23:13
Kommentar from: Claudius v.d.Bach-Zelewski [Besucher]
*****
Vielen Dank für den Beitrag, Herr Boehringer. Mehr als alle Kommentare und Blog-Analysen erhellt dieser "link" die Hintergründe unserer heutigen Verhältnisse in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft eingedenk "EU", Schuldendesaster, Korruption, Masseneinwanderung, NATO-USA-Kriegen in aller Welt und der "Rettungsschirme".

Es handelt sich übrigens um keine "Verschwörungstheorie", sondern um einen - wenn auch zu nachtschlafender Zeit gesendeten - Beitrag des ÖR-Fernsehens.

Somit ist er vom Standpunkt des Staates und der diesen konstituierenden Parteien aus bzw. von deren Apologeten ideologisch nicht anfechtbar.

Das macht den Beitrag so wertvoll, und man sollte sich die 45 Minuten Zeit nehmen, ihn anzuschauen:

http://nuoviso.tv/dokumentationen/medien-propaganda/105-germany-made-in-usa

20 Jahre nach der Wiedervereinigung läßt sich jedoch unschwer erkennen, daß mit dem Verschwinden des Feindbildes "Sowjetunion-DDR" auch am einst wohlstandsblinkenden "Germany-made-by-USA"-Vehikel der Lack ab ist und die Technik vor dem Zusammenbruch steht.

Sonst bedürfte es seitens dieses finanziell, gesellschaftlich, moralisch und bald auch ökonomisch bankrotten Staates nicht der forcierten Anwendung jener nach dessen eigener Propaganda so menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Methoden, die zuvor doch ein Monopol der UdSSR mit ihren "volksdemokratischen" Satelliten gewesen sein sollen und der sich heute angeblich nur die "finsteren" Chinesen, der nordkoeranische Despotismus, ein libyscher "Verrückter" oder die iranische Theokratie bedienen.
24.05.11 @ 11:49
Kommentar from: Akihito [Besucher]
Da passt doch der heutige Artikel in der "Zeit online" wie die Faust aufs Auge ;)
"Die Bankenrettung hat nicht viel gekostet"

http://www.zeit.de/2011/21/Finanzkrise-Kosten-Pro-Contra

*******
=> AW PB: Ja Akihito, genau. Wie die Faust aufs Auge. Wollte eigentlich gleich dazu bloggen. Aber da man den ganzen Artikel zerreißen müsste, müsste ich zuviel zitieren. Und das sieht die ZEIT nicht gerne (Abmahnungsgefahr). Aber ich stelle dazu gleich noch unten was ein.
24.05.11 @ 14:01
Kommentar from: Peter Boehringer [Mitglied] E-Mail
Hier mal ganz exemplarisch aufgezeigt, warum wir so oft vom dummen Mainstream bzw. von der politisch korrekten Systempresse einerseits und andererseits von den politisch inkorrekten aber wahren Internetartikeln sprechen müssen. Beide Artikel unten sind von heute, beide behandeln das gleiche Thema (Finanz- und Bankenkrise) und beide sind Must-reads! Einer, weil er so abgrundtief ignorant ist (aus dem Pseudo-Intellektuellen-Blatt ZEIT: "Die Bankenrettung hat nicht viel gekostet") und einer vom RottMeyer-Blog, der klar aufzeigt, dass das Gegenteil der Fall ist!

Lesen Sie sie ganz. Unten nur die wichtigsten Passagen daraus.
Zunächst aus der ZEIT die schlechtesten in einem durchgängig abwegigen und archivierungswürdigen Pamphlet, das lediglich auf die bereits heute geleisteten Rettungs-Zahlungen an die Banken und PIIGS abhebt - und es dabei fertigbringt, die Folgekosten in Richtung "0 EUR Verlust" zu rechnen... [sic]!
Und danach die relevantesten Passagen von RottMeyer:


"Die Bankenrettung hat nicht viel gekostet" http://www.zeit.de/2011/21/Finanzkrise-Kosten-Pro-Contra

"Es war [man beachte den im Artikel durchgängigen Perfekt-Tempus... !] alles nur halb so schlimm. Die Bankenkrise war bei Weitem nicht so teuer, wie wir alle mal gedacht haben. [die ZEIT hat dies übrigens NIE gedacht...] Tatsächlich hielten sich die Kosten zur Rettung der Geldinstitute bisher im Rahmen. Der deutsche Steuerzahler ist glimpflich davongekommen. Das ist kein Witz, das ist die Wahrheit. ...
Für die Banken zu bürgen, das war für den Steuerzahler bisher ein gutes Geschäft. ...
Das ist nicht wenig [Rettungs]Geld. Es ist aber auch nicht unermesslich viel. Für die Bundeswehr gibt der Staat allein in diesem Jahr knapp 32 Milliarden Euro aus. Dafür gibt es: Sicherheit. Bei den Banken ist es ähnlich.
[steht da wirklich so!!!] ...
Es wäre überdies falsch, die 38 Milliarden Kapitalhilfe für die Banken als Kosten zu bezeichnen, für die der Steuerzahler aufkommen muss. Zum einen ist das Geld ja nicht weg, sondern die Banken arbeiten damit. Im Regelfall sind sie dabei erfolgreich [sic! - man denke an die GR-Anleihen in ihren Depots!] und schütten einen Teil ihres Gewinns an die Eigentümer aus. ...
Es wird übersehen, dass die Bad Banks nicht nur Schulden, sondern auch Vermögenswerte haben – in fast gleicher Höhe.
[steht da wirklich so!!!] "

=> Nach diesen ökonomisch unglaublich realitätsfreien und vergangenheitsbezogenen und angesichts der aktuellen Marktbewertung von zB GR-Anleihen und toxischem CDS-Schrott hochnotpeinlichen Aussagen aus der ZEIT hier einige Auszüge vom RottMeyer-Blog zu genau dem gleichen Thema:

"Softe Pleite? Harter Unsinn!"
http://www.rottmeyer.de/softe-pleite-harte-unsinn/2/

"Warum, wird vielerorts gefragt, ob denn ein Schuldenschnitt eigentlich noch ein Problem sei. Der Markt funktioniert doch bestens, griechische Anleihen notieren auf einem Niveau, dass den Ausfall und einen Restwert einpreist. Das ist im Kern richtig, die Preisfindung am Markt findet statt, die Preise mögen schlussendlich ein bisschen zu hoch oder ein bisschen zu tief sein, aber ein „alles in Ordnung“ gibt es hier nicht. Der Haken an der Sache findet sich, wie so oft in den letzten Jahren, in schauderhafteren Auslegungen derselben. In vielen Bankbüchern, das sind in der Regel die großen Bestandsportfolios der Banken, können Investments unterschiedlich verbucht werden. ...

Eine beliebte Kategorie ist die Klasse hold-to-maturity (htm). Diese htm-Bestände werden in der Regel mit dem Kaufkurs bewertet, dieser Kurs bleibt dann über die Haltedauer statisch. Hat jemand also vor drei Jahren eine Griechenlandanleihe erworben, sagen wir zu einem Kurs von 98%, dann steht diese heute noch dort, und zwar mit exakt diesem Kurs. Bei kritischen Anlagen findet eine turnusmäßige Überprüfung statt, die ergeben soll, ob von einem so genannten Impairment auszugehen ist, einer mehr als temporären Wertminderung. Dies zu beurteilen liegt weitestgehend im Ermessen des Investors selbst. So lange nicht eine Ratingagentur einen Ausfall feststellt – das ist in der Regel dann kein politisches Rating sondern ein schlichtes Anerkennen eines Kreditausfalls – oder Zinszahlungen nicht bedient wurden, bleiben in vielen Banken diese Papiere in der Kategorie „reiner Beobachtungsfall“. Im Falle Griechenlands könnte die Stützungsorgie der EZB, des IWF und der EU den Haltern dieser Papiere eine zwar tumbe, aber wunderschöne Ausrede an die Hand geben. Warum sollte jemand eine Wertminderung vornehmen, wenn doch alles in Ordnung ist? Einfach dumm stellen, dann klappt es auch mit der Bewertung. Mit einer alten Volksweisheit gesprochen: „Die unfähigsten Banken haben die dicksten Bewertungskurse“.

Spitzt sich die Lage weiter zu, so wie das beim Thema Griechenland der Fall ist, wird eine mögliche Neubewertung immer schmerzhafter, da sich der echte Kurs der Anleihe immer weiter vom Bewertungskurs in den Portfolios entfernt. Bei griechischen Anleihen sprechen wir hier je nach Laufzeit von Verlusten in Höhe von gerne einmal 50%. Diese Verluste will niemand realisieren, also wird munter abgewartet statt abgewertet. Bei einem Verkauf der Papiere wäre die Realisierung dieses Verlustes zwingend. In beiden Fällen schlüge diese Anpassung direkt auf das Eigenkapital durch
. Da relativ zum Gesamtbestand nur wenige Prozentpünktchen Eigenkapital vorhanden sind – die unsinnige Risikogewichtung lässt schön grüßen, danke nach Basel für diesen und anderen Unfug – kämen einige Institute rasch in turbulentes Fahrwasser.

Das Elend nimmt auf diesem Wege ganz schnell existenziell große Ausmaße an. Zur Verdeutlichung: Einmal angenommen, eine Bank hat eine Eigenkapitalausstattung von €10 Mrd. und alle Assets belaufen sich auf €200 Mrd. Im Falle eines Haircuts um 50% kann also ein Bestand von lediglich €5 Mrd. griechischer Staatsanleihen das EK um ein Viertel schrumpfen lassen. Der Hebel der Bank würde damit in einem Schritt um 30% zulegen. Damit würde es nicht für das Halten der anderen Assets ausreichen, so dass entweder Assets abgestoßen werden müssten oder eine Kapitalerhöhung unter Druck durchgeführt werden muss. Wie so etwas aussieht, lässt sich derzeit am deutschen Bankenmarkt gut beobachten.

Dank der Basel-Regeln und der Solvency Richtlinien für Versicherer ist die Eigenkapitalausstattung vieler europäischer Banken unfassbar niedrig. Die Risikogewichtung führt zu nicht belastbaren Werten wenn es hart auf hart kommt. So mag eine Eigenkapitalquote von 8% – bezogen auf die risikogewichteten Assets – für den einen oder anderen solide wirken. Wir denken das nicht. Von Solidität zu reden verbietet sich erst recht, wenn man einen Blick auf das Eigenkapital in Relation zur Gesamtbilanz betrachtet. Hier sind einige prominente Namen nicht weit von der 1% Marke entfernt. ... Ein Witz, und kein ungefährlicher. ... Die Banken in Europa sind massiv unterkapitalisiert.

... Gerade hat Ratingagentur Fitch vermeldet, dass eine Laufzeitverlängerung einen Default, einen Kreditausfall, bedeuten würde. Schließen sich die anderen Agenturen an – in diesem Falle wäre es übrigens vollkommen berechtigt – darf man gespannt sein, wie die Bilanzkünstler diesmal die Tatsachen verdrehen. Nichts ist derzeit in den Finanzhäusern und Versicherungstürmen vermutlich größer als der Wunsch, die elenden Papiere auch bei einer Umstrukturierung zum Anschaffungskurs in der Bilanz zu halten. Peinlich, peinlich, wenn die großen Damen und Herren bei Ihrer ach so erfolgreichen Arbeit darauf angewiesen sind, Papiere mit falschen Kursen zu bewerten, damit man die realen Misserfolge nicht zeigen muss. Gewinne, die auf Basis einer derartigen Wurstelei gezeigt werden, sind das Papier nicht wert, auf dem sie verbreitet werden. Diese Intransparenz dann noch als große Leistung zu verkaufen ist nur mit Begriff unwürdig zu bezeichnen.

Die EZB hätte im Falle einer griechischen Insolvenz geschätzte Verluste im Bereich von €30 – €50 Mrd. zu verbuchen.
Diese Zahlen beziehen die direkten Kredite der EZB an griechische Institutionen mit ein, diese werden in TV-Gesprächszirkeln gern ausgeblendet. Zur Zentralbank gibt es somit zwei wichtige Fragen.

Wie kann es sein, dass eine Zentralbank, die den Banken gigantische Bestände an Peripherie-Anleihen zu vermutlich zu hohen Kursen abgenommen hat, nun mitbestimmen will, ob der Schuldner dieser Anleihen pleite ist oder nicht? Einen großen Anreiz, die nötige Insolvenz zuzulassen, kann man bei einer Bank, die dann Riesenverluste einfahren würde, nicht erkennen. Moral hazard Probleme bei der EZB.

Zum anderen wäre im Falle derart großer Verluste eine weitere Kapitalerhöhung der EZB fällig. Das bestehende Eigenkapital wäre in erstaunlichem Tempo verbrannt worden, so dass dies auch, etwa über die Beteiligung der Bundesbank an der EZB, im Haushalt des Bundes bemerkbar sein dürfte. Kostenlose Stützung – ein Hirngespinst
[Gruß an die ZEIT-Schreiberlinge!, Anm. PB]. Da das Geld schlussendlich aus Steuern oder Schulden stammt, wäre es nicht zuviel verlangt, eine detaillierte Liste mit gekauften Beständen, Kaufkursen und aktuellen Bewertungskursen zu veröffentlichen. Gerade die Kurse wären von Interesse, denn die EZB wird die Papiere sicher ebenfalls hold-to-maturity verbuchen. Das wäre sicherlich sehr aufschlussreich. Damit ist die Veröffentlichung einer derartigen Information leider auch sehr unwahrscheinlich."
24.05.11 @ 14:23
Kommentar from: Wutbürger [Besucher]
*****
Die ganzen o. g. Ausführungen verleihen den berühmten Worten von John Swinton, Herausgeber der New York Times, ein noch stärkeres Gewicht. Er sprach sie anlässlich des Jahresbanketts der American Assosiated Press 1914!

"Von einer unabhängigen Presse in Amerika kann nicht die Rede sein... Nicht ein Einziger unter ihnen wagt es, seine ehrliche Meinung auszusprechen... Wir sind die Instrumente und Vasallen der Reichen hinter den Kulissen. Wir sind Marionetten. Jene Männer ziehen an den Fäden und wir tanzen. Unsere Zeit, unsere Talente, unser Leben und unsere Kräfte sind alle Eigentum jener Männer - wir sind intellektuelle Huren."

Hat sich da irgend etwas verändert? Im Westen also nichts Neues!

*******
=> Ergänzung PB: Ja, das wurde schon damals so erkannt. Man muss zwar differenzieren - aber auf den ZEIT-Artikel von heute trifft das so zu. Man kann -wie immer- lediglich die Frage stellen, ob die jeweiligen Redakteure WISSEN, was sie für einen Quark schreiben. Ob sie also WISSEN, dass und für welche "hidden agenda" sie gesteuert und instrumentalisiert werden. Oder ob sie tatsächlich so gehirngewaschen und ignorant faktenresistent sind, dass so realitätsferne Artikel noch "guten Gewissens" geschrieben werden können. Meiner Erfahrung nach gibt es beide Varianten.
24.05.11 @ 15:12
Kommentar from: UHU [Besucher]
*****
Zahlungsausfälle passieren immer dann (für praxisferne ZEIT-Leser rein zufällig), wenn gezahlt werden muß. Das war schon bei den Junk-Bonds (1980er Jahre) so. Es gibt viele Abarten davon, wie z. B. frech fröhliche 1000 jährige Zerobonds.
Praktisch: Jeder der Bier und sonstige Dienstleistungen an betrunkene Seeleute länger als 1 Monat verkauft, weiß das. (Griechenland hat eine Seefahrer-Tradition) Daher dort Vorkasse, also keine Stempel auf dem Oberarm, die dann nach der Fete im Kater abgerechnet werden; ein Finanzberatungs-Unternehmen wollte sich neulich damit den letzten Anschein der Korrektheit wahren. Sowas glauben wohl nur ZEIT-Leser. Empfehlung: Odysee lesen, das bildet.
Die EZB (auch zukünftig Europäische Zettel-Bank) hat hoch-korrelierte Klumpenrisiken an Bord. Die werden dann synchron hochgehen. Die Medien werden uns dann später was von synchronschwimmenden schwarzen Schwänen erzählen. Zufälle gibt es!
24.05.11 @ 21:40
Kommentar from: Peter Boehringer [Mitglied] E-Mail
Die WELT widerlegt noch am gleichen Tag die Kernthese der ZEIT-Kollegen - also deren unsäglichen Satz "Für die Banken zu bürgen, das war für den Steuerzahler bisher ein gutes Geschäft..." (s.o.).

=> WELT-Meldung von heute Abend:

"Bad Bank der Pleitebank HRE braucht frisches Geld vom Bund"
http://www.welt.de/wirtschaft/article13391780/Pleitebank-HRE-braucht-frisches-Geld-vom-Bund.html

"Schließlich schlummern in der FMS Wertmanagement, wie die 'Bad Bank' offiziell heißt, Risiken in einer schier unvorstellbaren Größenordnung: Allein in den ersten drei Monaten seit ihrer Gründung hat die FMS einen Verlust von drei Milliarden Euro verbucht. Damit ist das Eigenkapital bereits fast aufgezehrt: Von den ursprünglich 3,8 Milliarden Euro sind nun noch 800 Millionen übrig. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Steuerzahler erneut zur Kasse gebeten wird, ist groß."
24.05.11 @ 22:34

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