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Die Tragik der Allmende (Rolf Dobelli)

von Markus Bechtel E-Mail 21.12.14 14:59:57

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In seinem Bestseller „Die Kunst des klaren Denkens“ beschreibt der Schweizer FAZ-Autor Rolf Dobelli 52 Denkfehler, die wir besser anderen überlassen sollten. Einer dieser Denkfehler ist die mittelalterliche Allmende. In seinem Kapitel „Die Tragik der Allmende“ erklärt Dobelli, weshalb das scheinbar doch so vernünftige Konzept der mittelalterlichen Allmende bei näherer Betrachtung alles andere als vernünftig ist.
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Durch alternative Geld- und Gesellschaftskritiker, insbesondere durch den sog. „Plan B“ der sog. Wissensmanufaktur, ist die mittelalterliche Allmende in den letzten Jahren wieder in die Diskussion gelangt. Was es damit tatsächlich auf sich? Rolf Dobelli beschreibt die Allmende (S. 76 ff) folgendermaßen:

Stellen Sie sich ein saftiges Stück Land vor, das allen Bauern einer Stadt zur Verfügung steht. Es ist zu erwarten, dass jeder Bauer so viele Kühe wie möglich zum Weiden auf diese Wiese schickt. Das funktioniert, solange gewildert wird oder Krankheiten grassieren, kurz: solange die Anzahl Kühe eine bestimmte Zahl nicht überschreitet, das Land also nicht ausgebeutet wird. Sobald dies aber nicht mehr der Fall ist, schlägt die schöne Idee der Allmende in Tragik um. Als rationaler Mensch versucht jeder Bauer, seinen Gewinn zu maximieren. Er fragt sich: »Welchen Nutzen ziehe ich daraus, wenn ich eine zusätzliche Kuh auf die Allmende schicke?« Für den Bauern ergibt sich ein zusätzlicher Nutzen von einer Kuh, die er verkaufen kann, also »+1«. Der Nachteil der Überweidung durch die eine zusätzliche Kuh wird von allen getragen. Für den einzelnen Bauern beträgt der damit verbundene Verlust nur ein Bruchteil von »-1«. Aus seiner Sicht ist es rational, das zusätzliche Tier auf die Wiese zu schicken. Und noch ein Tier. Und noch eins. Bis die Allmende kollabiert.

Was Dobelli hier mit einfachen Worten beschreibt, das beschreiben die Volkswirte Arnold Heertje und Heinz-Dieter Wenzel in ihren „Grundlagen der Volkswirtschaftslehre“ (S. 441 f.) folgendermaßen:

Die Allmende sei der Fischteich einer Gemeinde, in welcher mit Reusen Fische gefangen werden. Eine Allmende ist Gemeineigentum. Jedes Gemeindemitglied kann ohne Lizenz und ohne Gebühr seine individuelle Fangstrategie optimieren. Kosten entstehen nur bei Erwerb von Reusen. Der Preis einer Reuse sei fix und unabhängig von der Anzahl der erworbenen Reusen. Welche Strategie ist individuell rational? Betrachten wir dazu die Überlegung eines „Grenzfischers“, der sich überlet, dem Beispiel seines Nachbarn zu folgen, eine Reuse zu erwerben und ebenfalls zu fischen. Er wird dies genau dann tun, wenn der (erwartete) Ertrag pro Reuse die Kosten einer Reuse übersteigt. Und diese Entscheidung werden alle weiteren Grenzfischer analog treffen, bis der Erwerb einer Reuse sich nicht mehr lohnt, weil der Ertrag zu niedrig ist. Es kommt also kein weiterer Fischer mehr hinzu, wenn der durchschnittliche Reusenertrag höchstens die Kosten einer Reuse deckt.

Diese Situation ist paretoineffizient, der Fischteich wird „überfischt“. Denn die individuelle Rationalität eines neu hinzukommenden Fischers läßt die Ertragseinbußen anderer Fischer unberücksichtigt, die sein „Markteintritt“ bewirkt. Für diesen negativen externen Effekt auf die Erträge anderer braucht keine Entschädigung gezahlt zu werden, denn der Teich ist ja Gemeineigentum.

Die gesellschaftliche Rationalität im Sinne des gemeinsamen Interesses der ganzen Gemeinde würde zusätzlichen Fischern dagegen nur solange den Zutritt erlauben, wie der auf den Gesamtertrag bezogene Grenzertrag eines zusätzlichen Fischers die Grenzkosten, d.h. den Preis einer Reuse, übersteigt.

Es ist einsichtig, daß in diesem Fall weniger gefischt würde, denn der Durchschnittsertrag einer Reuse liegt über dem – auf den gesamten Fang bezogenen – Grenzertrag.

Aus diesen Erkenntnissen zieht Dobelli folgende Schlüsse:

Die Tragik der Allmende ist - im wahrsten Sinne des Wortes - ein Gemeinplatz. Der große Irrtum besteht darin, zu hoffen, dass sie sich über Erziehung, Aufklärung, Informationskampagnen, Appelle an die »sozialen Gefühle«, päpstliche Bullen oder Popstar-Predigten aus der Welt schaffen lassen werde. Wird sie nicht. Wer das Allmende-Problem wirklich angehen will, hat nur zwei Möglichkeiten: Privatisierung oder Management. Konkret: Das saftige Stück Land wird in private Hände gelegt, oder der Zugang zur Weide wird geregelt. Alles andere führt nach dem amerikanischen Biologen Garrett Hardin ins Verderben. Management kann zum Beispiel bedeuten, dass ein Staat Regeln aufstellt: Vielleicht wird eine Nutzungsgebühr eingeführt, vielleicht gibt es zeitliche Beschränkungen, vielleicht wird nach Augenfarbe (der Bauern oder der Kühe) entschieden, wer den Vorzug erhält.

Die Volkswirte Heertje und Wenzel kommen zu einem ähnlichen Ergebnis (aoO. S. 443):

Wie läßt sich im Allmendebeispiel die Internalasierung externer Effekte erreichen? Indem der Gemeindeteich in Privateigentum überführt wird. Ein privater Nutzer würde die Überausbeutung vermeiden, er setzt gerade so viele Reusen ein, bis der Grenzertrag und der Reusenpreis übereinstimmen.

Ein privater Eigner würde sich also genauso verhalten, wie es die soziale Rationalität im Allmendebeispiel fordert. Damit stimmen individuelle und soziale Rationalität überein. Die Rationalitätsfalle ist beseitigt durch wohldefinierte Eigentumsrechte an ökonomischen Ressourcen.

Ausgehend von dieser Erkenntnis stellt sich die Frage, weshalb wir dennoch auf die Allmende-Romantik hereinfallen. Dazu Dobelli:

Die Privatisierung ist die einfachere Lösung, aber auch fürs Management lässt sich argumentieren. Warum tun wir uns mit beidem so schwer? Warum hängen wir immer wieder der Idee der Allmende nach? Weil uns die Evolution nicht auf dieses soziale Dilemma vorbereitet hat. Zwei Gründe. Erstens: Während fast der gesamten Menschheitsgeschichte standen uns unbeschränkte Ressourcen zur Verfügung. Zweitens: Bis vor 10.000 Jahren lebten wir in Kleingruppen von ca. 50 Menschen. Jeder kannte jeden. War jemand auf seinen alleinigen Vorteil bedacht und nützte die Gemeinschaft aus, wurde das sofort registriert, gerächt und mit der schlimmsten aller Strafen belegt: Rufschädigung. Im Kleinen funktioniert die Sanktion durch Scham noch heute: Ich hüte mich, auf einer Party den Kühlschrank meiner Freunde zu plündern, obwohl kein Polizist danebensteht. Doch in einer anonymen Gesellschaft spielt sie keine Rolle mehr.

Überall dort, wo der Nutzen beim Einzelnen anfällt, die Kosten aber bei der Gemeinschaft, lauert die Tragik der Allmende: C02-Ausstoß, Abholzung, Wasserverschmutzung, Bewässerung, Übernutzung der Radiofrequenzen, öffentliche Toiletten, Weltraumschrott, Banken, die »too big to fail« sind. Das heißt aber nicht, dass eigennütziges Verhalten absolut unmoralisch ist. Der Bauer, der eine zusätzliche Kuh auf die Allmende schickt, ist kein Unmensch. Die Tragik ist bloß ein Effekt, der eintritt, wenn die Gruppengröße ungefähr 100 Menschen übersteigt und wir an die Grenze der Regenerationskapazität von Systemen stoßen. Es braucht keine besondere Intelligenz, um zu erkennen, dass wir in zunehmendem Maß mit diesem Thema konfrontiert sein werden.

Eigentlich ist die Tragik der Allmende das Gegenstück von Adam Smiths »unsichtbarer Hand«. In bestimmten Situationen führt die unsichtbare Hand des Marktes nicht zu einem Optimum - im Gegenteil.

Natürlich: Es gibt Leute, die sehr darauf bedacht sind, den Effekt ihres Handelns auf die Menschheit und das Ökosystem zu berücksichtigen. Doch jede Politik, die auf solche Eigenverantwortung setzt, ist blauäugig. Wir dürfen nicht mit der sittlichen Vernunft des Menschen rechnen. Wie sagt Upton Sinclair so schön: »Es ist schwierig, jemanden etwas verstehen zu machen, wenn sein Einkommen davon abhängt, es nicht zu verstehen.«
Kurzum, es gibt nur die beiden besagten Lösungen: Privatisierung oder Management. Was unmöglich zu privatisieren ist - die Ozonschicht, die Meere, die Satellitenumlaufbahnen -, das muss man managen.

Daß diese Erkenntnisse keineswegs selbstverständlich sind, das zeigt ein Blick in den sog. „Plan B“ der sog. Wissensmanufaktur: Dabei dient die mittelalterliche Allmende-Romantik als Begründung für einen neuen Grund- und Boden-Sozialismus und einer vollständigen Verstaatlichung der Geldschöpfung. Dabei beruht die Geldschöpfung der heutigen Zentralbanken ja gerade auf der ungedeckten Geldschöpfung des staatlichen Geldschöpfungsmonopols.

Nach Dobellis „Tragik der Allmende“ wäre dagegen nicht die Verstaatlichung, sondern geradezu die Privatisierung der Geldschöpfung ein entscheidender Schritt zur Lösung des Finanzproblems. Denn eine private Geldschöpfung im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB ) funktioniert auch ohne ein (privatisiertes) Staatsbankmonopol.

Dazu müßten diese Allmende-Sozialisten allerdings erst einmal erkennen, daß es sich bei den (privatisierten) Staatsbanken (FED, EZB ) im Kern um staatliche Geldschöpfungsmonopole und damit gerade nicht um eine wirklich private Geldschöpfung der Bürger untereinander handelt. Aber das hieße nun wirklich, Eulen nach Athen zu tragen ...

Quellen:

Dobelli, Rolf: Die Kunst des klaren Denkens, 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen
,
Hanser Carl Verlag, 2011, ISBN 978-3-446-42682-5, 14,90 Eur[D],
Taschenbuchausgabe: dtv-Verlag, 2014, ISBN 978-3-423-34826-3, 8,90 Eur[D]
Hörbuchausgabe, gelesen von Frank Stöckle, Herder Verlag, 2014, ISBN 978-3-451-35085-6, 14,99 Eur[D],
oder gelesen von Frank Elstner, Herder Verlag, 2012, ISBN 978-3-451-35009-2, 14,99 Eur[D],

Ergänzungsband:
Dobelli, Rolf: Die Kunst des klaren Handelns, Irrwege, die Sie besser anderen überlassen
,
Carl Hanser Verlag, 2012, ISBN 978-3-446-43205-5, 14,90 Eur[D]
Taschenbuchausgabe: dtv-Verlag, 2014, ISBN 978-3-423-34828-7, 8,90 Eur[D]
Hörbuchausgabe, gelesen von Frank Stöckle, Herder Verlag, ISBN 978-3-451-35086-3, 14,99 Eur[D]
gelesen von Frank Elstner, Herder Verlag, 2012, ISBN 978-3-451-35010-8, 14,99 Eur[D],

Arnold Heertje, Heinz-Dieter Wenzel: Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, Springer-Verlag, 7. Auflage 2008, ISBN 978-3-540-85040-3, 34,99 Eur[D]

© 2014 Markus Bechtel. Alle Rechte vorbehalten.
Degussa Bank (BLZ 500 107 00), Kto. 205 68 56
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2 Kommentare

Kommentar from: Rakang Siang [Besucher]
Endlich mal ein wirklich guter Beitrag.

Es kommt leider noch dicker: unabhängig was man nun verwirklicht, jede Handlung oder Unterlassen birgt aus der Sicht des Menschen stets Risiken, Nebenwirkungen und unerwünschte Folgen. Der Teufel steckt eben im Detail.
21.12.14 @ 23:50
Kommentar from: Michael Thuma [Besucher]
Ein sehr nützlicher Beitrag. Aktueller denn je auch in der Softwareentwicklung im Rahmen von Open Source aber nicht nur dort. Dort gibt es zwar nicht das Problem der Überfischung im traditionellen Sinne, da Kopieren nicht gleichzusetzen ist mit Entnehmen, wohl aber ist auffällig, dass sich ähnliche Wirkungen aus dem Phänomen Schlaraffenland ergeben.

Die freie Verfügbarkeit von Gütern führt zu einem 'verhungern' im anderen Stile. Aus anderem Motiv heraus rentiert sich das Hinzufügen einer Ressource nicht mehr wirklich.

Ob das mit der Tragedy of the Commons zusammenhängt ... aber die Wirkung scheint ähnlich. Man hat zwar gelernt durch ausgeklügeltes Management diese Wirkung, teils ist sie destruktiv, in den Griff zu bekommen führen aber zu kaum passgenauen Ergebnissen, was ja an sich eher der Vorteil der Marktwirtschaft ist.

Traditionelle kommerzielle Plattformen sind einfach limitiert durch den abnehmenden Grenznutzen im Sinne von zu 'teuer' für zu wenige.
01.01.15 @ 11:22

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