GoldSeiten Blogs
« Griechische AltschuldenDer Unglaube an den Aufschwung »

Mit dem Euro wird gespielt

von Wolfgang Prabel E-Mail 07.02.15 08:10:26

Der frischgebackene Mephisto der europäischen Finanzpolitik, der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis, ist Autor mehrerer Bücher über Spieltheorie.

In der Spieltheorie werden Entscheidungssituationen modelliert, in denen sich mehrere Beteiligte gegenseitig beeinflussen. Konfliktsituationen werden mathematisch abgebildet und zuweilen mathematisch streng gelöst. Wegen unzutreffenden Vergleichen ist die Erklärungskraft der Spieltheorien für die Praxis jedoch umstritten.

Da es in der europäischen Finanzpolitik mittlerweile nicht mehr um Einnahmen und Ausgaben geht, sondern um Eingaben und Ausnahmen, um das Über-den-Tisch-ziehen der Partner, ist die Kenntnis der Spieltheorie gutes theoretisches Rüstzeug für den ausgebufften Finanzjongleur. Einige Beispiele der Spieltheorie aus Wikipedia mögen das verdeutlichen.

Im Spiel mit dem Untergang fahren zwei Spieler, vielleicht Griechenland und Deutschland mit Höchstgeschwindigkeit aufeinander zu. Oder einer weicht aus. Oder beide weichen aus. Den größten Nutzen hat derjenige Spieler, der kaltblütig weiterfährt, während sein Mitspieler Angst bekommt und ausweicht. Der Ausweichende hat zwar die Mutprobe nicht bestanden, jedoch sein Leben behalten. Weichen beide aus, so ist ihr Nutzen hoch, da sie voreinander nicht ihr Gesicht verlieren und überleben.

Ein anderes Spiel, das Teilungsproblem, bildet die mögliche Liquidierung der EZB nach dem Euro-Aus ab: Zwei Spieler A und B legen jeweils einen gleich großen Geldeinsatz E in einen Topf. Um den im Topf liegenden Betrag G = 2E spielen sie ein Glücksspiel, welches sich aus mehreren Runden zusammensetzt. In jeder Runde wird eine faire Münze geworfen. Für das Spiel haben sie folgende Regeln vereinbart:

Es muss so lange gespielt werden, bis einer der beiden Spieler n-mal gewonnen hat. Derjenige, der zuerst n-mal gewonnen hat, bekommt den im Topf liegenden Betrag. Der andere bekommt somit, unabhängig davon wie knapp der Vorsprung war, nichts.
Auf Grund einer höheren Gewalt (Pleite Griechenlands) muss das Spiel jedoch vor der Entscheidung unerwartet beim Spielstand a:b abgebrochen werden. Die erste Regel ist damit verletzt. Das Spiel kann nicht fortgesetzt oder wiederholt werden und die Geldaufteilung muss sofort erfolgen.

Der zurückliegende Spieler argumentiert, dass das Spiel regelwidrig beendet wurde. Er möchte seinen Einsatz E wieder rückerstattet bekommen, sprich die Hälfte von G. Er hätte ja schließlich auch aufholen und gewinnen können. Der führende Spieler beansprucht dagegen für sich den vollen Geldbetrag. Er beharrt auf der „Alles oder Nichts“-Regel. Gerade wenn er deutlich in Führung liegt, ist ja zu erwarten, dass er auch gewinnt.

Die beiden Vorschläge sind weder „falsch“ noch „richtig“. Es hängt vielmehr vom Gerechtigkeitsempfinden des Betrachters ab, ob er einen der Vorschläge als „falsch“ oder „richtig“ wertet. Wie schwer wiegt die zweite Regel noch, wenn doch die erste schon gebrochen wurde?

Das Vertrauensspiel ist ein Zwei-Personen-Spiel mit einem Treugeber (beispielsweise die EZB) und einem Treuhänder (in unserem Fall Griechenland). Der Treugeber kann den Treuhänder mit Geld betrauen. Zunächst entscheidet der Treugeber EZB, ob er dem Treuhänder Griechenland Vertrauen schenkt oder nicht. Entscheidet er sich für die erste Variante kann nun wiederum der Treuhänder Griechenland entscheiden, ob er das ihm entgegengebrachte Vertrauen a) missbraucht oder b) honoriert. Aus diesen Möglichkeiten ergeben sich drei Handlungsalternativen, die jedoch für jeden der beiden Beteiligten unterschiedliche Auszahlungen zur Folge haben. Ein rationaler Treuhänder wird sich nun dafür entscheiden, das ihm entgegengebrachte Vertrauen zu missbrauchen, da er so die höchste Auszahlung für sich erhält. Das hat Griechenland getan.

Wenn ein Treugeber dies ahnt wird er erst gar kein Vertrauen schenken. Dies führt dazu, dass beide Akteure leer ausgehen. Gelöst werden kann dieses Dilemma einerseits dadurch, dass der Treugeber Erfahrungen über den Treuhänder besitzt und somit das Verhalten des Treuhänders vorhersehbar ist. Anderseits kann der Treugeber auch Kontrolle über den Treuhänder ausüben und bei Missbrauch des Vertrauens Sanktionen verhängen, wie in Griechenland mit Visiten des Dreigestirns geschehen. Beim Instrument der Kontrolle wird das gewünschte Verhalten des Treuhänders vom Treugeber zu einem gewissen Grade “erzwungen”. Daher entspricht diese Lösung der Ausübung von Macht durch den Treugeber über den Treuhänder mit der Sanktion als entsprechendes Machtmittel.

Ein weiteres Spiel ist die Dollar-Auktion. Es könnte sich natürlich auch um den Euro handeln. In der Regel läuft die Auktion wie folgt ab: Die Teilnehmer überbieten sich um einige Cent, um sich den Dollar zu sichern. Die Gebote steigen bis zum Erreichen der Ein-Dollar-Grenze, denn ein siegreiches Gebot von 99 Cent bringt noch einen Gewinn.
Interessant ist der dann folgende Verlauf. Die Auktion stoppt zumeist nicht beim Erreichen des Ein-Dollar-Gebots. Die Gebote steigen im Durchschnitt bis 3,40 Dollar. Diese für die Bieter finanziell nachteilige Eskalation, lässt sich mit einer für den Moment rationalen Entscheidung erklären:

Bei der Wahl zwischen einem sicheren Verlust von 99 Cent und einem unsicheren, kleineren Verlust wählen die meisten Teilnehmer die zweite Variante und bieten folglich 1,01 Dollar. Nun steht B vor der Wahl mit Sicherheit einen Dollar zu verlieren oder mehr zu bieten, um sich die Aussicht auf einen kleineren Verlust zu erhalten.

Im Laufe des Spiels wird der Verlust für beide Spieler immer größer. Ab einer bestimmten Phase tritt der Gewinn bzw. die Höhe des Verlusts in den Hintergrund Die Gegner beginnen, sich gegenseitig irrationales Handeln vorzuwerfen. Das Spiel zeigt den Charakter einer Eskalation. Man will nicht der Narr sein, der verliert.
Dieses Spiel bildet das ständige Nachschießen in das griechische Faß ohne Boden perfekt ab.

Soweit die Spieltheorie. Daß es sich bei Yanis Varoufakis um einen unerfahrenen Finanzminister handelt ist klar. Verhandlungsstrategien kann er jedoch mit der Spieltheorie entwerfen, wie die Beispiele gezeigt haben. Varoufakis tägliche Verlautbarungen passen in die Muster der Spieltheorie. Im Stundentakt werden neue und sich widersprechende Botschaften an die Medien lanciert und diese streuen die Verlautbarungen aus dem griechischen Irrenhaus breit. In London schlug Varoufakis beispielweise vor, gewerbliche Geldverleiher ehrlich zu behandeln und Steuerzahler um ihr Geld zu betrügen. In Griechenland behauptet er das komplette Gegenteil, Wie Robin Hood will er die Reichen prellen, um den Armen zu geben.

George Osborne, der britische Finanzminister, soll während seines Treffens mit Varoufakis bei Schäuble gefragt haben, ob er dem griechischen Kollegen für eine Terminvereinbarung Schäubles Handy-Nummer geben dürfe. Schäuble lehnte das ab. Endlich muß man unseren Finanzminister mal loben. Er läßt nicht mit sich spielen. Varoufakis mußte sich im Ministerium ganz förmlich und ordentlich anmelden. Beim Termin mit Schäuble biß Varoufakis noch mal auf Granit. Schäuble soll gesagt haben: “Wir sind uns einig, nicht einig zu sein.” Und der verspielte Grieche ergänzte: “Wir sind uns noch nicht einmal einig, nicht einig zu sein.”

Auf der Seite des Autors befindet sich ein interessanter Eintrag über die sogenannte Energiewende.

5 Kommentare

Kommentar from: wolf [Besucher]
Ja dann sprechen wir jahrelang von Zockerbuden, Finanzjongleuren, Gesundbetern, Bankstern, Spielern, Zauberlehrlingen usw., dann ist es doch wohl klar, daß immer mehr Globalplayer zum Rouletttisch kommen und ihr Glück versuchen.
Ich möchte selbst auch gerne mitmachen, aber mich läßt Niemand ran. Ich fühle mich deshalb auch sehr diskriminiert!!!
07.02.15 @ 13:14
Kommentar from: Varo u fuck is [Besucher]
*****
Yanis Varoufakis Sums Up Europe In One Sentence
"A clueless political personnel, in denial of the systemic nature of the crisis, is pursuing policies akin to carpet-bombing the economy of proud European nations in order to save them."
http://www.zerohedge.com/news/2015-02-06/yanis-varoufakis-sums-europe-one-sentence

Melden die Griechen erstmal den Staatsbankrott, dann bedeutet es nicht, dass der € aus dem Land verschwunden ist.
Es bedeutet, dass keine Steuern mehr gezahlt werden müssen für eine Weile, dass die griechischen Exporte unschlagbar billig werden, dass die Menschen dort in jeder Hinsicht wieder frei sind, dass sie selbst bestimmen können, was sie machen und wollen.
Und für mich wäre das ein tolles Land zu leben.
Griechen geht pleite !
Eure neue Drachma wird sogar besser als der schweizer Franken !
Kauft euch für eure € physisches Silber !

Banksters Were Naked Short 10 M Oz Of Gold & 600 M Oz of Silver Ahead of Massive Raid!
http://www.silverdoctors.com/banksters-were-naked-short-10-m-oz-of-gold-600-m-oz-of-silver-ahead-of-massive-raid/

Die Affen bilden sich ein, noch irgend etwas auf dieser Welt sagen zu haben. :-D :-D :-D
07.02.15 @ 15:26
Kommentar from: Lumpazi [Besucher]
Warum so kompliziert, Herr Prabel?

Nehmen Sie sich den alten Homer aus dem Bücherregal und lesen Sie die Odyssee, und zwar nicht die Episode mit dem listigen Trojanischen Pferd, sondern wie Odysseus mit dem übermächtigen Zyklopen Polyphem umgegangen ist:
Auf seiner abenteuerlichen Heimfahrt nach Ithaka gerät Odysseus mit einigen Gefährten auf einer Insel im Mittelmeer in die Gefangenschaft des Zyklopen Polyphem, einer einäugigen Riesengestalt. Während Polyphem sich freut und daran geht, einen Griechen nach dem anderen zu verspeisen, sinnen die Überlebenden nach einem Plan, sich aus dieser höchsten Not zu befreien. Sie vernebeln ihm das Gehirm mit süßem Wein, und während er seinen seligen Rausch ausschläft, blenden sie sein Augenlicht mit einer glühenden Baumspitze. Das wilde Toben seiner rasenden Wut nutzen die Griechen, um ihm zu entwischen und sich als "Niemand" von der Insel davonzumachen.

Bei entsprechendem Licht können Sie das fluoreszierende Schild lesen, das sich Varoufakis umgehängt hat: Je suis Odysseus.
07.02.15 @ 15:28
Kommentar from: pingpong [Besucher]
***--
Es ist nicht einsehbar, warum die Griechen hier etwas zu verhandeln suchen. Seinerzeit haben sie die - vollkommen ordentlichen - Verträge studiert und das Geld genommen. Na, und nun ist es mit den recht vorteilhaften Zinsen zurückzuzahlen. Warum soll denn nun der Deutsche Steuerzahler für die seinerzeit unnütz konsumierten Darlehen der Griechen haften? - Nein!

Deshalb ist ja auch der ESM so gut!... Mit den daraus Grundlagen kann Deutschland beim Schuldner unmittelbar pfänden gehen. Was heißt denn hier Schuldenschnitt? Hier wird gar nichts geschnitten, sondern die Pflicht zur Ehre gemacht: Schickt endlich den Kuckuck nach Athen.

Das träfe übrigens nicht die Griechischen Bürger, sondern nur den Griechischen Staat. Wir übernehmen denn eben die Griechischen Staatsbetriebe und Infrastrukturen und Hafenlizenzen etc.. Und dann bauen wir eben ein - funktionierendes - Deutsches Konstrukt mit unmittelbaren Einkommens- und Konsumsteuern direkt von den Arbeitsentgelten. Darüber gibt es überhaupt nichts zu diskutieren.
07.02.15 @ 17:08
Kommentar from: Goldhamster [Besucher]
Fassen wir es kurz: Der neue griechische Finanzminister ist seinen Euro-Kollegen in Summe intellektuell und komptenzmäßig überlegen. Ja, er spielt sein Spiel mit ihnen und er meint das für sein Land tun zu müssen. Es wäre schön, wenn unser Finanzminister endlich auch einmal für sein Land handeln würde.
07.02.15 @ 22:10

Hinterlasse einen Kommentar


Your email address will not be revealed on this site.

Deine URL wird angezeigt.
PoorExcellent
(Zeilenumbrüche werden zu <br />)
(Name, email & website)
(Allow users to contact you through a message form (your email will not be revealed.)
Oktober 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
 << <   > >>
            1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30 31          

Suche

Kürzlich

Letzte Kommentare

blogsoft